Scheinbar
Einmal hob ich eine Wildbiene vom Weg auf. Sie lag an einem kühlen verregneten Frühlingstag auf dem Boden. Ich hob sie auf und legte sie in meine Hand, um sie zu wärmen. Sie war winzig. Es war fast so, als schlief sie in meiner Hand ein. An einem Gebüsch blieb ich stehen und wollte sie auf einem Blatt absetzen. Als ich sie vorsichtig ablegen wollte, da zuckte sie zusammen, als hätte sie sich erschrocken und ich sie im Schlaf gestört. Vielleicht träumte sie einen Sommernachtstraum von wärmender Sonne und wilden Wiesen. Oder Elfen und Feen.
Ihre Reaktion beeindruckte mich tief. Offensichtlich fühlte sie sich in meiner Hand wohl, wärmend und friedlich. So unterschiedlich zu uns Menschen ist das nicht. Ist es nicht so, dass jeder Mensch die wärmende und friedliche Hand sucht. Geborgenheit und ehrliche Sicherheit anstrebt, ja es den Menschen quasi dahin immer wieder aufs Neue treibt? Es gibt Menschen, die das vermitteln können und doch selbst im Inneren haltlos sind. Die etwas geben können, ohne es vielleicht jemals selbst erfahren zu haben. Ich habe solche Menschen kennengelernt. Sie können Frieden vermitteln, obwohl in ihnen Stürme wüten. Stürme gegen sich selbst, weil ihr bisheriger Lebensweg ihnen nur Unsicherheit brachte. Weil sie Halt geben können, und doch selbst nach dem Gerüst in sich suchen. Sie sehen das Schöne und Wunderbare dieser Welt, spenden Licht und wenn notwendig auch Schatten, aber in ihnen gehen die Kindertage in ihren nie ablegbaren Schuhen auf und ab. Ihr Kopf-Fotoalbum ist voller Ängste und Unruhe, aber sie können Stille und Sanftheit vermitteln. Daran musste ich denken, als ich diese winzige Biene in meiner Hand hatte. Niemand weiß, was ein anderer Mensch erlitten hat, niemand kann seine Kinderschuhe sehen, niemand weiß, wie alt die kleine Kinderhand war, als sie sich suchend durch den Raum streckte. Manche Menschen wirken so selbstsicher, so abgeklärt und sind doch genau das Gegenteil in sich. Wie oft hört man von den scheinbar stärksten und gefestigten Menschen und dann davon, dass gerade sie des Lebens Überdruss empfinden. Das erstaunt dann sehr und doch ist es eben nicht erstaunlich, denn die scheinbar Sichersten sind oft die Zerbrechlichsten und am meisten Verletzten. Die, die groß in ihrem nach außen gerichteten Selbst sind, sind im Ich ein zerbrochener Spiegel, der sich wieder zusammenzusetzen versucht.
Die kleinsten und zumeist unscheinbaren Dinge, Momente, die lehren können und uns zeigen, wie unvollkommen der Mensch ist und wie winzig er in der Hand seiner Kindheit liegt und nach Wärme und Sicherheit sucht.
Lotta Blau/ März 2026
Bild: free
