Schuldig!
Schuldig! Ein seltsamer Nebel umschlang seinen Hals. Würgte ihn. Schuldig, hauchte der Nebel ihn an. Nie mehr wieder wirst du frei sein, nie mehr ohne Last durch die Tage leben können, nie mehr sanfte Träume haben, nie mehr wirst du wissen, ob es die anderen auch wissen, dass du schuldig bist, ob sie es dir ansehen, ob sie es in deinen Augen sehen, oder aus deiner Stimme heraushören! Schuldig! Es wird dich zerfressen, es wird sich durch die Adern mit deinem Puls bewegen. Denn du hast es getan! Du hast gemordet, hast gequält und hast den Spott über die Sternengräber gesungen. Du hast deine Zeit verraten. Verspottet die Freiheit und den Frieden. Und die eisblauen Toten hast du verspottet. Die in den Gaskammern, unter den Trümmern und in der weißbraunen Erde, die Erfrorenen hast du verspottet. Die gläsernen Himmel mit Ihren Zeitspiegeln hast du geblendet. Hast das Vergessen darüber in die Augen gestreut. Willst die Willkür pflanzen. Schuldig! Die Kriege fressen die Leben der Armen, bis sie erfrieren, verdursten oder verhungern. Sie sind Munition für dich, die Armen, gegen den Widerstand. Die da, sagst du, die haben immer noch zu viel, und die da, das sind keine Menschen, brüllst du, und was kosten die Kranken, schreist du. Aber du sitzt an deinem Tisch, sitzt an einer weißen Tischdecke und hast deine schwarzen Stiefel an. Sie müssen noch viel mehr treten, denkst du und lässt es dir schmecken. Du spielst mit der Geschichte Schach und teilst die kommenden Gräber aus, wie Lebensmittelmarken. Du Wurm, denkst du bist ein Löwe und erhebst dich satt vom Tisch. Schaust zum Fenster, ob der Vogel dich sieht vor dem du dich fürchtest. Er könnte dir ins Herz und Gewissen greifen, dir in die Augen sehen, dir seine Flügel zeigen, die niemals zu fangen sein werden.
Jetzt fliegt der große Vogel durch die Nächte, er fliegt und fliegt und weiß keine Zukunft. Er weiß sie nicht, weil der Boden wankt und der Himmel über ihn die Gräber zählt. Von dort oben schaut er nach unten, dann nach oben, schaut nach links und nach rechts, schaut auf die Pendel der Geschichte, schaut auf die Schuld. Er sieht die Gesichter der Schuldigen, die sich vielleicht verstecken können und doch jeder sie sehen kann. Noch immer und immer wieder. Und jetzt, da es wieder so viele Tote gibt, in den Kriegen, da die stummen Gesichter im Himmel sich verzehren, schreien wollen, aber es nicht mehr können, in der Hoffnung, die Menschen würden doch zum Himmel schauen, dort wo noch Licht ist, wo die Sonne scheint und die Sterne mit ihren Händen die Menschen schütteln wollen. Der Vogel weiß keine Zukunft mehr, denn die Zukunft gestaltet sich aus der Vergangenheit und aus dem Jetzt, das auch schon in der nächsten Sekunde Vergangenheit sein wird . Der Vogel hat kein Jetzt. Er irrt umher auf der Suche nach Frieden. Liebe, Freiheit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, nach Menschlichkeit.
Friede sei mit euch! Seine Schwingen warnen, leuchtend über die Länder. Seine Rufe dringen auf die Kopfkissen der Mächtigen. Wollt ihr denn wirklich schon wieder? Dabei ist doch das Blut und die Asche noch nicht einmal getrocknet. Weil manche schuld sind, sollen alle schuld sein. Alle sollen Schuldige sein. Unschuldige, in dessen Inneres Zeigefinger pendeln und mit jedem Tick Tack wächst die Angst vorm Mob. So, wie sie früher mit Mistgabel losgezogen, um vermeintlich Schuldige zu lynchen. So ziehen sie heute mit Wort und Bild durch die Tage und verbreiten ihren Hass, und ihre stupide eintönigen Gedanken, verbreiten ihre Unlogik. Ihre rassistischen und antisemitischen Pfeile zielen auf die Sterne und treffen doch sich selbst . 
Bild und Text Lotta Blau 2026
